D 1322/1323: Direktverbindung aus dem Ruhrgebiet nach Ancona

Von Markus Egger

Beim D 1322/1323 handelte es sich lange Jahre um eine jeweils im Sommerfahrplan eingelegte Direktverbindung aus dem Ruhrgebiet an die italienische Adria nach Ancona. Dem, der die ganze Strecke zurücklegte waren immerhin etwa 21 Stunden Zugfahrt am Stück vergönnt, belohnt wurde er z.B. mit einem Badeurlaub an einem der bekannten Urlaubsorte an der Adria. Noch steigern ließ sich das Bahnerlebnis, wenn man die Kurswagenverbindung wählte, so konnte man 1979 umsteigefrei von Hoek van Holland nach Ancona fahren, später und vorher war es „nur“ Amsterdam – Ancona.

Ein bunter Zug: D 1322 Ancona – Dortmund am 27.9.1990 bei Einfahrt Dortmund Hbf. Foto: Rolf Wiemann

Ein eigener Zug Dortmund – Adria entstand erstmals 1963 und verkehrte bis 1965 als D 286/285 Dortmund – Pesaro (eine knappe Zugstunde nördlich Ancona).

D 286 wurde 1965 noch gemischt aus Altbau- und Neubauschnellzugwagen gebildet. Alle wagen verkehrten nach Bedarf – man stellte den Zug wohl recht flexibel zusammen. Scan: DSO-User „Drewer“

1966 wurde dieser Zug mit dem bisherigen Dt 73/72 „Gondoliere“ zusammengelegt und  als D 265/260 „Gondoliere“ München – Verona gefahren. Fr abends in der Hochsaison (1. Juli bis 2. September) wurden Kurswagen Dortmund – Pesaro als D 286 Dortmund – München dem „Gondoliere“ zugeführt, der dann an diesen Tagen über Verona hinaus bis Pesaro verlängert wurde. Die Kurswagengruppe führte nur Sitzwagen. In der Gegenrichtung wurde D 260 „Gondoliere“, der in der Hochsaison täglich Verona – München verkehrte, Sonntag morgens ab Pesaro bis Montag morgens in Dortmund ankommend durchgebunden. D 286/260 verkehrten im Abschnitt Mainz – München über Mannheim – Stuttgart.

Doch diese Lösung währte nur einen Sommer, bereits 1967 wurde die Gruppe Dortmund – Pesaro wieder als eigener Zug gefahren, diesmal unter der Zugnummer D 254/253.

1967 war der Zug bereits stilrein aus m-Wagen gebildet. Die Verstärkungsgruppe wurde nicht mehr in Stuttgart sondern erst in München zugesetzt. Scan: DSO-User HOMan.

1969 nannte sich der Zug dann D 1213/1212 Dortmund – Verona, der zunächst ebenfalls nur Fr/Sa in der Hochsaison verkehrte und ebenfalls den Weg über Stuttgart nahm. Ob er wieder Kurswagen an die Adria mitführte kann ich derzeit nicht nachweisen, ist aber anzunehmen. Ab 1971 dann lief der Zug als D 1013/1012. 1973 verkehrte D 1013 dann schließlich erstmals auf dem Laufweg Dortmund – Ancona und nun nicht mehr nur einmal die Woche zum Bettenwechsel sondern täglich in der Sommersaison. Zusätzlich gab es Kurswagen Amsterdam – Innsbruck, Sitzwagen München – Genova und einen ISTG- Schlafwagen Amsterdam – Innsbruck. In der Gegenrichtung kamen zusätzlich noch Kurswagen Innsbruck – Arlberg – Ulm – Amsterdam aus D 418 „Vorarlberg-Express“ hinzu, die in der Gegenrichtung bereits ab Duisburg im D 418 verkehrten. 1974 änderte sich dann nochmals die Zugnummer, der Zug verkehrte nun als D 1315/1314.

1974 stellten vier verschiedene Bahngesellschaften Wagen für den D 1315. Die DB war in allen Wagengruppen vertreten, die NS stellten einen Schlafwagen Amsterdam -Innsbruck, die FS einen Sitzwagen Amsterdam-Ancona, die ÖBB Sitz- und Liegewagen Amsterdam-Innsbruck und einen Verstärkungswagen Kufstein – Verona. Scan: DSO-User HOman.

So lief im Sommer 1974 der D 1315/1314 Dortmund – Ancona. Auf dem Rückweg wurde der Rhein sage und schreibe 6 mal überquert – Rekordverdächtig! (Ludwigshafen, Mainz, zweimal Koblenz, Köln, Neuss).

Zum Sommerfahrplan 1977 gab es nochmals eine größere Umgestaltung des Zuges. Er hieß nun schlußendlich D 1323/1322, diese Nummer sollte er nun mehr als ein Jahrzehnt lang behalten. Das Zugpaar wurde außerdem neu über Würzburg statt den Großraum Stuttgart geführt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kurswagen aus dem „Vorarlberg-Expreß“ weggefallen sein, dafür gab es neu erstmals Kurswagen nach Merano/Meran.

1977 war der D 1323 fast ausschließlich aus DB-Wagen gebildet, nur den Schlafwagen Hoek van Holland – Merano/Meran stellte die NS. Scan: DSO-User HOman

Zusammenstellung ausgewählter Fahrplanjahre des Fahrplanes des Zugpaares D 1323/1322 Dortmund-Ancona

Die Lage des Zuges war insgesamt recht stabil. In Dortmund ging es am frühen Abend los, in Oberhausen bzw. später Duisburg kamen die Kurswagen aus den Niederlanden dazu. Dann wurde weiter Rhein und Main entlang eingesammelt, um Mitternacht herum erreichte man ganz grob die Bayerische Landesgrenze, ab dort wurde recht wenig angehalten. Österreich wurde morgens gegen 5:30 Uhr in Kufstein erreicht, ab dort wird wieder mehr gehalten, der Zug stellt dort abschnittsweise eine gute Frühverbindung dar. Noch vor 8 Uhr wird der Brenner erreicht, somit ergeben sich für die Touristenorte in Südtirol und im Trentino gute morgendliche Ausstiegszeiten und somit mit dem Zug eine direkte Nachtsprungverbindung aus weiten Teilen  Westdeutschlands dorthin. Für 1979 ist dort der Wechsel der Zeitzone zu beachten, Italien hatte damals im Gegensatz zu Deutschland und Österreich bereits eine Sommerzeit und wurde im Sommerkursbuch deswegen der OEZ zugeordnet. In Bolzano/Bozen werden die Kurswagen nach Merano/Meran abgehängt, Kurswagen dorthin gibt es auch aus Hoek van Holland bzw. später Amsterdam. Diese Kurswagen verkehren als einziger Teil des Zuges sogar immer in der Vorsaison bereits im April und in der Nachsaison im Oktober, wenn auch teilweise nur Samstags. Damit sind sie im Gegensatz zum Stammzug auch im Winterfahrplanabschnitt zumindest einige Wochen lang im Kursbuch.

Weiter geht es über Verona und Bologna an die Adria, in der Gegend von Riccione, damit schon kurz vor dem Ziel, erfolgt erneut die Kreuzung mit dem Gegenzug (erstmals wurde der Gegenzug zwischen Würzburg und München gekreuzt). Ancona wird am späteren Nachmittag erreicht. In der Gegenrichtung ergibt sich der Verkehr spiegelbildlich.

Streckenvarianten

Im Großen und Ganzen ist auch die Streckenführung des Zuges stabil. Im Ruhrgebiet fällt 1979 die Führung über Oberhausen auf, der Zug verlässt dazu in Mülheim (Ruhr) die Hauptstrecke Dortmund – Duisburg – Köln nach Norden, macht in Oberhausen Kopf (dort Kurswagenaufnahme aus Hoek van Holland), um dann in Duisburg wieder auf die direkte Route zu treffen. 1988 erfolgt die Kurswagenaufnahme direkt in Duisburg, die Kurswagen kommen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit dem „Satellitenzug“ D 1423/1422 Hoek van Holland – Oberhausen sondern mit dem D 223/222 „Holland-Wien-Express“ Amsterdam-Wien. 1990 sind die Kurswagen aus den Niederlanden bereits Geschichte – es gibt nur noch den Stammzug Dortmund  – Ancona mit Kurswagen nach Merano/Meran.

Südwärts geht es all die Jahre über die Linke Rheinstrecke, nur 1988 wird kurz vor Mainz auf die rechte Rheinseite gewechselt und statt Mainz Wiesbaden Hbf bedient. Nordwärts dagegen fährt der Zug zwar immer irgendwie rechtsrheinisch, die genaue Führung wechselt aber etwas: 1974 bekommen die Fahrgäste sechs Rheinüberquerungen spendiert: In Ludwigshafen von rechts nach links, in Mainz von links nach rechts, in Koblenz geht es von rechts über links wieder nach rechts, auf der Hohenzollernbrücke in Köln wieder nach links und in Neuss wieder nach rechts. 1979 sind es noch drei Rheinüberquerungen, 1988 dann nur noch zwei, da der Zug ab Frankfurt über Wiesbaden zunächst rechtsrheinisch bleibt, statt Koblenz wird in Neuwied gehalten, ab dort geht es auf der bewährten Route weiter. 1990 sind es wieder drei Rheinüberquerungen, es geht schon in Mainz von links nach rechts, dann weiter einschließlich Halt in Neuwied wie gehabt.

Ab Mainz wird südwärts seit 1977 immer über Frankfurt – Würzburg – Ansbach und Augsburg nach München gefahren, Nordwärts 1979 ebenso, 1988 jedoch ab München über Ingolstadt – Ansbach nach Würzburg. In München wird der Münchner Hbf „links liegen gelassen“ und direkt zum Ostbahnhof gefahren, 1988 jedoch fährt man über den Hauptbahnhof, was mit der Zugreihung zu tun haben könnte, denn dies ist das Fahrplanjahr wo man zusätzlich in Wiesbaden Hbf Kopf macht. Vor 1977 war der Zug zwischen Mainz und München südwärts über Darmstadt – Heidelberg – Kornwestheim – Ulm unterwegs, nordwärts über Ulm – Kornwestheim – Bruchsal – Graben-Neudorf – Mannheim – Ludwigshafen.

Die Routen des Hauptzuges D 1323/1322 im Kartenbild (rot), die Kurswagengruppen (grün)und die abweichende Route des D 1315/1314 1974 (blau). Eigene Bearbeitung auf Grundlage der Europa-Karte des PKP-Kursbuches 1994.

1991 wurde dann unser Zug umstrukturiert und der schon in den letzten Jahren gewandelten Bedeutung angepasst. Unter der neuen Zugnummer D 1122/1123 und nun einem Namen „Dolomiten-Express“ (den hatte in den Jahren vorher ein D-Zug Coburg – München – Merano/Meran getragen) verkehrte nun der Stammzug auf der Strecke Dortmund – Merano/Meran. Der Zugteil nach Ancona waren nun nur noch die Kurswagen. Neu war eine größere Kurswagentauschaktion mit dem D 1298/1299 Kärnten-Express in Rosenheim. Hier wurden die Relationen Hamburg – Merano/Meran, Klagenfurt – Dortmund und Graz – Dortmund ausgetauscht. Die Kurswagen Dortmund – Ancona bestanden immerhin noch bis 1994.

Zugbildung

Nur bruchstückhaft ließ sich bisher die Bespannung des Zuges recherchieren. 1973 ist zumindest im Abschnitt bis München (Durchlauf ab Dortmund?) die Baureihe 110 überliefert. 1978 war der Zug zwischen Dortmund und Frankfurt und zurück am Haken von 110ern, während im Abschnitt Frankfurt – Innsbruck und zurück eine Münchner 111er durchlief.

Für 1969 ist die Zugbildung des D 1212 überliefert, alle Wagen stellte die DB:

Bm (44), Bm (45), Bm (46), Bm (47), Bm (48), Am (49), Bm (50), Bm (51), Bcm (52), Bcm (53), BDm (54)

Wagen 44, 45 nur bis Rimini, Wagen 44, 51 nur bei Bedarf.

1979 führte der Zug im Stammteil Dortmund – Ancona neben Sitzwagen 1. und 2. Klasse auch Liegewagen und einmal wöchentlich in der Hochsaison zum Bettenwechsel am Wochenende auch einen Schlafwagen (ab Dortmund Freitags, ab Ancona Sonntags), in der Relation Dortmund – Merano/Meran gab es nur Sitzwagen 2. Klasse.

So sah der D 1323 im Zugverzeichnis 1979 aus. Quelle: Zugverzeichnis zum DB-Kursbuch Sommer 1979

In Oberhausen kamen Sitzwagen 1. und 2. Klasse Hoek van Holland – Ancona hinzu, sowie Sitzwagen 2. Klasse, Liegewagen und Schlafwagen Hoek van Holland – Merano/Meran. Auffällig ist dabei, dass es auf der Langstrecke Hoek van Holland – Ancona nur durchgehende Sitzwagen, jedoch keine Liege- und Schlafwagen gab. Im Abschnitt Dortmund – Frankfurt sowie Innsbruck – Rimini war eine Minibar an Bord. Der Minibarmitarbeiter (vermutlich der ÖBB) wechselte wohl in Rimini direkt auf den Gegenzug, was einen satten Arbeitstag zu Stande brachte: Abfahrt war in Innsbruck um 6:45 Uhr, in Rimini war von 15:37 Uhr bis 16:17 Uhr Pause – zumindest wenn der Zug pünktlich war. Rückkehr in Innsbruck war um 23:35 Uhr.

1988 hatte sich an der Zugbildung des Stammzuges nichts wesentliches geändert.Der Zugteil aus Amsterdam brachte nun Sitzwagen 1. und 2. Klasse Amsterdam – Ancona und neu Liegewagen Amsterdam – Ancona, dafür nicht mehr Sitzwagen Amsterdam – Merano/Meran und Schlafwagen Amsterdam – Merano/Meran.

Und so erschien der D 1323 im Zugverzeichnis des Kursbuches 1988. Quelle: Kursbuch der DB Sommer 1988

Der Zugteil Dortmund – Merano/Meran hatte nun bei den Sitzwagen auch 1. Klasse, sowie zusätzlich Liegewagen und zum Bettenwechsel am Samstag in der Nebensaison, in der Hochsaison täglich einen Schlafwagen. Der Zugteil Dortmund – Merano/Meran hatte also an Bedeutung gewonnen, während die Relation Niederlande – Merano/Meran verloren hatte. Die Minibar im Südabschnitt wurde auf die relativ kurze Strecke Bolzano/Bozen – Bologna eingeschränkt.

Für 1990 liegt eine detaillierte Zugbildung vor.  Die Sitzwagen Dortmund – Ancona stellte die FS, die je nach Wochentag, Saison und Bedarf 1 bis 5 Liegewagen Dortmund – Ancona stellte die DB, der saisonale und zum Bettenwechsel verkehrende Schlafwagen kam von der DSG. Im Zugteil Dortmund – Merano/Meran kam der Schlafwagen von der ISTG, der Liege- und Sitzwagen von der FS, ein Verstärkungssitzwagen von der DB. Neu war ein Autotransportwagen Düsseldorf – Innsbruck. Für den Zug waren insgesamt drei Garnituren nötig, die soweit nachvollziehbar keine anderen Zugleistungen erbrachten.

Die Zugbildung des D 1323 war sehr genau auf die erwartete Nachfrage in den verschiedenen Monaten und an den unterschiedlichen Wochentagen orientiert.

Folgende Frage ist derzeit noch offen:

– Ein Rätsel ist immer noch der einsame Autotransportwagen 1990 Düsseldorf – Innsbruck.

Link zur zugehörigen Diskussion auf DSO

Danke an die DSO-User Der Hönnetaler, Diesel73, Eurocity341,Ulf Kutzner, novesia, Plumps, Olaf Ott, 141R, Mw, Mani940, rolwie, Drewer, HOman für die ergänzenden Unterlagen und Informationen!

Stand: 12.2.2012

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2 Antworten zu D 1322/1323: Direktverbindung aus dem Ruhrgebiet nach Ancona

  1. Gerd schreibt:

    Wann und warum ist der Dolomiten-Express eigentlich eingestellt worden?

  2. histoliga schreibt:

    Hallo!

    Hier gibts die Fortsetzung zum Artikel:
    https://fahrplanspiele.wordpress.com/2012/01/03/d-11231122-dolomiten-express-dortmund-meranomeran/
    Der Zug bestand zumindest in ähnlicher Form noch relativ lange. Aber alle Urlaubszüge/Nachtzüge haben es schwer: Die Kosten sind hoch (Züge verdienen nur an wneigen Tagen im Jahr ihr Geld), die Nachfrage stark saisonabhängig (Ferien und selbst dann oft nur rund ums Wochenende) und die Konkurrenz (Flug, Auto, …) groß….

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