Die Nebenbahn Mertingen – Wertingen, Teil 1 1905-1957

Von Markus Egger

Die am 7.Juni  1905 eröffnete Lokalbahn von Mertingen nach Wertingen schloss die frühere Kreisstadt Wertingen an die große weite Welt an. Diese Anbindung war – typisch für die bayerischen Lokalbahnen – auf dem kostengünstigsten Wege realisiert worden, nämlich indem man weitgehend dem weiten Tal der Zusam folgte und in Mertingen auf die Ludwigs-Süd-Nord-Bahn traf.

Die realisierte Lokalbahn Mertingen – Wertingen (grün) im Kartenbild der bei der Eröffnung existierenden anderen Bahnstrecken. Die Direktverbindung Donauwörth – Treuchtlingen der heutigen Hauptbahn Augsburg – Nürnberg fehlte noch. Rot eingezeichnet die anderen diskutierten Alternativen für die Anbindung von Wertingen ans Eisenbahnnetz. Eigene Bearbeitung auf Grundlage der Karte zum Reichs-Kursbuch 1905.

Der Ort Mertingen selber hatte immer eigentlich nur eine Bedeutung als Umsteigestation, die zudem noch ziemlich abseits des Ortskerns lag, weshalb der Bahnhof bis heute „Mertingen Bahnhof“ heißt, zur Unterscheidung von „Mertingen Ort“ an der Lokalbahn. (Link zum Urpositionsblatt der Bayerischen Landesvermessung, das die Lage des Bahnhofs Mertingen verdeutlicht) Andere andiskutierte Anbindungen von Wertingen waren als zu aufwändig abgelehnt worden. Nach Meitingen wären zu große Höhenunterschiede zu bewältigen gewesen, allerdings wäre dies der klassische Weg der auch 1905 noch verkehrenden Postkutschen gewesen und auch die Anbindung Richtung Augsburg und München wäre deutlich kürzer gewesen. Richtung Dillingen, zu dessen Landkreis Wertingen heute gehört und wo ebenfalls 1905 Postkutschen verkehrten, hätte das Donaumoos und die Donau selber aufwändig überquert werden müssen, und Richtung Süden nach Welden, auch hier gab es 1905 Postkutschenverkehr, als Verlängerung der zwei Jahre zuvor eröffneten Weldenbahn, sah man zu wenig Potential. So kam also die nicht gerade direkt zu den späteren Hauptverkehrsströmen liegende Streckenführung nach Mertingen zu Stande, die dazu führte, dass die Bahn spätestens mit Aufkommen des PKW und der Buslinien keine adäquate Verbindung für Verkehre von Wertingen Richtung Augsburg und München mehr darstellte.

Der Eröffnungsfahrplan sah drei Personenzugpaare vor, die recht gleichmäßig über den Tag verteilt waren: Je eines morgens, mittags und abends. Im Gegensatz zur Fahrt mit der Postkutsche bis Meitingen und ab dort mit dem Zug war nun beispielsweise die morgendliche Reise nach Augsburg etwa 45 Minuten schneller durchzuführen und dauerte „nur“ noch gut 2 1/2 Stunden.

Der Eröffnungsfahrplan von 1905. Quelle: Reichs-Kursbuch Juli 1905.

Zur Grundausstattung der Strecke gehörte eine bay D VII, diese Baureihe bewältigte auch in den nächsten Jahren den Verkehr auf der Strecke.

Bereits spätestens bis 1907 war zusätzlich unterwegs der Bedarfshalt Vorderried eingerichtet worden, offiziell ein „Personenhaltepunkt ohne Gepäckabfertigung „, in der Praxis bestand die Infrastruktur wohl aus einem Stationsschild und etwas aufgeschüttetem Kies.

Bis 1917 hatte sich nicht sehr viel geändert.  Es verkehrten immer noch drei Zugpaare, die zeitlich noch weiter auseinander gezogen worden waren und die Züge waren im Durchschnitt sogar ein paar Minuten langsamer geworden.

Zwischen 1917 und 1927 war die Bedarfshaltestelle Vorderried, die sowieso ziemlich abseits vom Ort gelegen hatte,  wieder aus dem Fahrplan verschwunden. Die damals wohl um die 70-80 Einwohner mussten nun eben nach Buttenwiesen laufen. Dafür war an „Festtagen“ ein neues, spätabendliches Zugpaar hinzugekommen, das Wertingen um 21:13 verließ und um 23:17 zurückkehrte. Die meisten Züge waren auch wieder etwas schneller geworden. Übrigens trug 1927 die Fahrplantabelle den Vermerk „alle Züge nur 4. Klasse“.

Auch 1935 verkehrten nur die 3 Zugpaare plus das Zusatzpaar an Festtagen, allerdings verkehrte der Morgenzug nun erst um 7:36 statt 5:15 ab Wertingen, entsprechend lag auch die Rückleistung später. Die Reisezeiten verkürzten sich  um etwa 10 Minuten, woraus zu schließen ist, dass wohl leistungsstärkere und schnellere Loks zum Einsatz kamen, war es schon die Baureihe 70.0, die für die 40er und 50er-Jahre überliefert ist? Auf jeden Fall konnte man nun, da auch die Strecke Donauwörth – Augsburg durch die Elektrifizierung deutlich beschleunigt war in 1 1/2 Stunden nach Augsburg reisen.

Bis 1939 war wieder eine Frühfahrt ab Wertingen zumindest an Werktagen eingerichtet worden, für die es jedoch keine Rückleistung gab (Rück als Güterzug?). Das Mittagspaar dürfte der Zugnummer nach wohl als GmP verkehrt sein.

Unsere Nebenbahn im Kursbuch 1939. Quelle: http://www.deutsches-kursbuch.de

Bis 1944 weitete sich das Angebot nochmals aus: Der frühmorgendliche Zug nach Mertingen hatte nun auch eine Rückleistung und das spätabendliche Paar verkehrte deutlich früher (etwa 2 Stunden) aber nun nicht mehr nur an Festtagen sondern täglich. Interessant also, dass hier gegen Ende des Krieges das dichteste Fahrplanangebot seit Schaffung der Verbindung gefahren wurde. Was mag der Grund dafür gewesen sein, größere Rüstungsbetriebe entlang der Strecke sind mir nicht bekannt. Der GmP verkehrte nun Vormittags nach Wertingen und Nachmittags zurück.

Das bis dahin dichteste Angebot aller Zeiten bot der Kriegsfahrplan 1944/45.                                               Quelle: http://www.pkjs.de/bahn/index.html

Nach dem Krieg wurde zunächst der Tiefpunkt im Fahrplanangebot erreicht. 1946 verkehrten nur noch 2 tägliche Fahrtenpaare, davon morgens eines als Personenzug und abends eines als GmP. Samstags gab es Mittags noch ein zusätzliches Zugpaar.

Im Winterfahrplan 1948/49 waren es dann immerhin drei tägliche Zugpaare, die jedoch an den verschiedenen Wochentagen zu teils sehr unterschiedlichen Zeiten verkehrten.

Immerhin gab es im Winter 48/49 wieder drei Zugpaare. Quelle: Kursbuch Südbayern Winter 1948/49.

Aber bereits 1949/50 verkehrten werktags wieder 5 Zugpaare, an Sonn- und Feiertagen hatte sich die Anzahl sogar nochmals auf nun auch 5 erhöht.

1954 gab es den ersten Versuch aus wirtschaftlichen Gründen Schienenleistungen zu „verkraften“, dieser wurde jedoch nach nur einem Sommerfahrplanabschnitt wegen der schlechter Straßenverhältnisse schon wieder abgebrochen.

Bis zum Sommerfahrplan 1957 hatte sich das Fahrplanangebot nochmals auf nun 7 werktägliche Zugpaare erweitert. Während bisher der Personenzugverkehr immer mit einer einzigen Zuggarnitur abgewickelt werden konnte, gab es nun einen Zweizugverkehr. Mangels Kreuzungsmöglichkeit auf den Zwischenstationen gab es die Zugbegegnungen aber nur an den Endbahnhöfen Mertingen und Wertingen. Das Grundangebot leistete ein Triebwagen, der von ca. 5 Uhr bis 21 Uhr, am Wochenende sogar bis 23:30 Uhr auf der Strecke pendelte. Für 1958 ist in der Literatur fotografisch ein VT70.9 im Endbahnhof Wertingen nachgewiesen, so dass diese Baureihe damals wohl planmäßig dort eingesetzt war. Das Bw Augsburg beheimatete damals 4 der Zweiachser. Im Fahrplanjahr 1959/60 ist der Einsatz des ETA 179 105 des Bw Nördlingen überliefert. Ansonsten waren zu diesen Zeiten VT95 die wörtlichen „Retter der Nebenbahn“. Zusätzlich war werktags weiter eine dampfgeführte Garnitur (inzwischen mit BR 64) mit Verstärkerzügen unterwegs, morgens um halb 6 von Wertingen über Mertingen nach Donauwörth, um 19:06 von Mertingen nach Wertingen und kurz nach 21 Uhr wieder zurück, der Zugnummer nach diesmal als GmP. Die Lok war außerhalb dieser Zeiten im Rangier- und Güterzugdienst beschäftigt.

Die KBS 411b 1957. Triebwageneinsatz prägt den Betrieb, aber es sind auch noch dampfgeführte, lokbespannte Züge unterwegs. Quelle: Amtliches Kursbuch, Sommer 1957.

Damit endet Teil 1 der Dokumentation des Fahrplanangebots dieser Bahnstrecke, denn zwischen 1958 und 1962 tauchten erstmals neben den Zügen auch Bahnbusse auf dieser Relation auf. Den folgenden etwa 20 Jahren bis zum Ende des Bahnbetriebs soll ein später folgender Teil 2 gewidmet sein.

Offene Fragen:

– Fahrplanangebot zwischen 1949/50 und 1957.

– In welchem Jahr begann der endgültige parallele Bahnbuseinsatz genau.

Link zur zugehörigen Diskussion auf DSO

Danke an die DSO-User Eurocity 341, Holger Riedel, Stäffelesrutscher und BRbumz285 für die ergänzenden Unterlagen und Informationen!

Weiterführende Literatur:

Bufe, Siegfried: „Eisenbahn in Schwaben“, Egglham 1990

Breubeck, Reinhold: „Eisenbahnknoten Augsburg“, Neustadt/Coburg 2007

Fiegenbaum, Wolfgang/Klee, Wolfgang: „Abschied von der Schiene“, Stuttgart 1997

Fiedler/Baumgärtner: „Die Nebenbahn Mertingen-Wertingen“, Dillingen 1990.

Stand: 1.5.2012

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2 Antworten zu Die Nebenbahn Mertingen – Wertingen, Teil 1 1905-1957

  1. Frank schreibt:

    Ganz interessant ist vielleicht auch die Geschichte der Linie vor dem Bau der Eisenbahn. In der „Chronik der Markt-Gemeinde Buttenwiesen“ von Israel Lammfromm (1911) heißt es dazu:

    „Vom 1. Juli 1872 an erfolgte eine täglich einmalige Omnibusverbindung mit der Station Mertingen, die etwas später sich bis Wertingen erstreckte. Der hier maßgebende Fahrplan war:

    Buttenwiesen ab 5:00 Uhr
    Mertingen an 7:00 Uhr

    Mertingen ab 2:25 Uhr
    Buttenwiesen an 4:45 Uhr

    Doch häufig, hauptsächlich bei schlechtem Wetter, kam es vor, daß, wenn der Wagen schon besetzt von Wertingen kam, die hier wartenden Passagiere das Nachsehen hatten; am 7. Juni 1905 fuhr der Postomnibus zum letztenmale.“

    Die Fahrzeiten dürften sich wohl auf nachmittags beziehen. Das Buch kann ich übrigens wirklich empfehlen, die Gemeinde Buttenwiesen hat es vergangenes Jahr neu aufgelegt. Auch zur Lokalbahn finden sich darin interessante Details aus den frühen Jahren. Lammfromm beschreibt den „unbeschreibliche[n] Jubel“ im ganzen Orte, als der Bau genehmigt wurde. Auch eine detaillierte Auflistung der Verteilung der Kosten von 1 Million Mark auf die einzelnen Ortschaften ist im Buch enthalten.

  2. StaNi schreibt:

    Hallo Markus,

    ich hoffe, es klappt mit diesen Tabellen. LG aus NL, StaNi

    Quelle: Ritzau KG, Reproduktionen
    RKB Nr.3 • Juli 1925
    RKB Nr.2 • 1.Juli 1927
    AKR Sommer 1934, 15.Mai bis 6.Okt.1934

    Zeiten in 24-Stunden (00:00 – 24:00)
    ▒ (anstatt schraffierte Linie) Nebenbahn
    F Sonn- und Festtags
    Sb Sonnabend (= Samstag)
    > (anstatt Wellenlinie) nicht täglich
    ‖ Zug mit Bahnpost

    Juli 1925; (Vom 5 Juni 1925)
    301c Mertingen – Wertingen (Alle Züge nur 4. Kl.) Deutsche Reichsb. [bayer. Netz]
    . . . . . º ab 1/10 nur Di, Ft, Sb und F, sonst tägl.
    Z 3 . . . Z 5 . . . Z 7 . . . . Z 2 . . . Z 4 . . . Z 6 . . . . .
    8‖10 .º13:40 . 19:25 ▒ 6‖00 . º13:05 . 17:00 Mertingen Bf
    8:18 .. 13:48 . 19:33 ▒ 5:53 .. 12:58 . 16:53 Mertingen Ort
    8:35 .. 14:05 . 19:51 ▒ 5:36 .. 12:40 . 16:36 Lauterbach b. Mert.
    8:46 .. 14:16 . 20:05 ▒ 5:26 .. 12:29 . 16:25 Buttenwiesen
    8:55 .. 14:25 . 20:15 ▒ 5:16 .. 12:16 . 16:11 Frauenstetten
    9‖05 .º14:35 . 20:25 ▒ 5‖05 . º12:05 . 16:00 Wertingen

    1. Juli 1927
    301c Mertingen – Wertingen (Alle Züge nur 4. Kl.) Deutsche Reichsb. [bayer. Netz]
    . 3 . . . . . 5 . . . . . 7 . . . . F . 9 . . . . . 2 . . . . 4 . . . . . 6 . . . . F . 8 . .
    8‖00 . 13:55 . 19:25 . >22:35 ▒ 5‖58 . 13:05 . 16:55 . >21:55 Mertingen Bf
    8:06 . 14:03 . 19:32 . >22:41 ▒ 5:52 . 12:58 . 16:49 . >21:49 Mertingen Ort
    8:19 . 14:20 . 19:46 . >22:54 ▒ 5:40 . 12:40 . 16:37 . >21:37 Lauterbach b. Mert.
    8:28 . 14:31 . 19:58 . >23:02 ▒ 5:32 . 12:29 . 16:28 . >21:29 Buttenwiesen
    8:35 . 14:40 . 20:06 . >23:09 ▒ 5:24 . 12:16 . 16:16 . >21:22 Frauenstetten
    8‖43 . 14:50 . 20:14 . >23:17 ▒ 5‖15 . 12:05 . 16:07 . >21:13 Wertingen

    S Sonntags und bestimmte Feiertagen
    x (vor Verkehrszeit) Zug hält nur nach Bedarf

    Sommer 1934
    411a Mertingen Bahnhof – Wertingen (Alle Züge nur 3. Klasse) (RBD Augsburg)
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . □ Verkehrt auch 31. V.
    . . . 3 . . . . . 5 . . . . . . 7 . . . . S □ 9 . . . . 2 . . . . . 4 . . . . . . 6 . . . . S □ 8 . .
    . 8:26 . . 13:51 . . 19:40 . S22:15│. 7:39 . . 13:03 . . 17:06 . S21:50 Mertingen Bahnhof
    x8:30 . x13:56 . x19:44 . >22:20│x7:35 . x12:58 . x17:01 . >21:45 Mertingen Ort
    . 8:41 . . 14:08 . . 19:55 . >22:31│. 7:25 . . 12:47 . . 16:51 . >21:35 Lauterbach (b Mertingen)
    . 8:49 . . 14:16 . . 20:02 . >22:37│. 7:18 . . 12:39 . . 16:44 . >21:28 Buttenwiesen
    x8:54 . x14:22 . x20:07 . >22:44│x7:11 . x12:30 . x16:33 . >21:22 Frauenstetten
    . 9:01 . . 14:30 . . 20:14 . S22:51│. 7:04 . . 12:22 . . 16:26 . S21:14 Wertingen

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