Die Nebenbahn Mertingen-Wertingen, Teil 2 1957-1981

Von Markus Egger

1970 fügte sich die damalige KBS 411b so ins Kartenbild ein.

Nach dem bis 1957 das Fahrplanangebot auf der Relation Mertingen – Wertingen und zurück immer dichter geworden war, gab es bis zum Sommerfahrplan 1962 erste „Konsolidierungen“, wenn auch das Gesamtangebot auf hohem Niveau fast konstant blieb – genau genommen gab es je Richtung an einigen Tagen der Woche sogar eine zusätzliche Abfahrt je Tag. Bei einzelnen Kursen wurden jedoch die Verkehrstage eingeschränkt oder zumindest auf das neue Verkehrsmittel Bus verlagert. Sonn- und Feiertags verkehrte nur noch ein Zugpaar. Konkret ergeben sich folgende Veränderungen wenn man die Fahrpläne vergleicht:

Fahrtrichtung Wertingen -> Mertingen

Die dritte Morgenfahrt ab Wertingen (gegen halb 7 ab Wertingen) fährt nun Sonn- und Feiertags als Bus, die Vormittagsfahrt um kurz nach 9 prinzipiell als Bus ebenso wie die Mittagstour um ca. 12 Uhr. Zu dem bisher nur an Samstag verkehrenden Zug ab Wertingen gegen 14 Uhr gibt es nun an W(Sa) eine Busfahrt in absolut identischer Zeitlage. Der bisher täglich um 17:35 Uhr ab Wertingen verkehrende Zug fährt nun Werktags schon um 17:01, Sonn- und Feiertags um 17:23 Uhr – das ist gleichzeitig die erste Zugfahrt auf der Strecke an Sonn- und Feiertagen! Um 17:59 ab Wertingen – nur an W(Sa) – kommt ein zusätzlicher Bahnbus hinzu, der sogar nach Donauwörth durchgebunden ist. Die Abendverbindung 19:38 Uhr ab Wertingen entfällt dagegen weitgehend und wird nur noch Freitags und Sonn- und Feiertags als Bahnbus angeboten, die Spätverbindung (lokbespannt, wohl GmP) mit Zug 8664, nun 20:52 ab Wertingen an Werktagen bleibt dagegen  bestehen.

Fahrtrichtung Mertingen -> Wertingen

Ein ähnliches Bild ergibt sich in der Gegenrichtung. Die zweite Morgenfahrt gegen halb acht ab Mertingen wird Sonn- und Feiertags mit dem Bus durchgeführt, ebenso die Vormittagsfahrt 10:50. Die bisher nur Samstags angebotene  mittägliche Zugfahrt findet nun aber Werktags statt (12:48 Uhr ab Mertingen). Dagegen verkehrt der bisher tägliche Zug am Nachmittag (14:56 ab Mertingen) nun nur noch Samstags als Zug (15:10 Uhr), W(Sa) um 15:10 und Sonn- und Feiertags schon um 13:55 jedoch als Bus, somit entfällt für einen VT eine längere Standzeit in Mertingen. Neu sind nachmittägliche Direktbusse ab Donauwörth (Freitags 16:05, Mo- bis Do 17:10 ab Donauwörth), die vermutlich dem Berufsverkehr (WMD Donauwörth?) dienen und in Mertingen nur den Ort und nicht den Bahnhof bedienen. 1957 hatte von 14:56 Uhr bis 18:21 eine Zuglücke ab Mertingen bestanden. Der bisher Werktags um 18:21 Uhr als Triebwagen verkehrende Zug verkehrt nun nur noch an W(Sa), aber lokbespannt, dafür der Zug um 19:07 als Triebwagen. Die Spätverbindung ab Mertingen (Mo-Do ab 20:25, Fr-So ab 23:02) verkehrt nun nur noch als Bahnbus und nur noch Freitags und Sonn- und Feiertags.

Der Sommerfahrplan 1962 bot trotz Einsparungen immer noch in der Zusammenschau von Bus und Zug ein für die damalige Zeit recht umfangreiches Angebot. Quelle: Amtliches Kursbuch Sommer 1962.

Auch in den nächsten Jahren war weiter „optimiert“ worden, insgesamt erneut keine Verschlechterung des Gesamtangebotes, nur teilweise Verlagerungen vom Zug auf den Bus und umgekehrt sowie Ausdünnungen am Wochenende, aber dafür auch eine weitere Verbindung im Berufsverkehr.

Bis 1966 war das erste Frühzugpaar auf Bus umgestellt worden und verkehrt nun Samstags nicht mehr. Das Vormittagsbuspaar an Sonn- und Feiertagen entfiel – wohl mangels Nachfrage. Neu dagegen war ein weiteres Buskurspaar Wertingen – Mertingen – Donauwörth, das an W(Sa) 15:41 ab Wertingen und 16:45 ab Donauwörth verkehrte und ein bisher bestehendes 3-Stunden-Loch Nachmittags ab Wertingen stopfte. Ebenfalls neu ist eine Zugfahrt Sonn- und Feiertags um 16:11 von Mertingen nach Wertingen, der Zugnummer nach wohl ein veröffentliche Leerfahrt zur Aufnahme des Zugbetriebs an Sonn- und Feiertagen. Im Gegenzug entfiel das Freitags abends angebotene Buskurspaar. Jetzt ist das Maximum (9 1/2 Fahrtenpaare) an Fahrtmöglichkeiten an W(Sa) zwischen Mertingen und Wertingen aller Zeiten erreicht, dieser Wert wird bis heute nicht übertroffen.

Und so sieht der dichteste Fahrplan aller Zeiten auf der Relation Mertingen-Wertingen im Kursbuch aus: Quelle: Amtliches Kursbuch Sommer 1966

 Bis 1970 hatten sich zwar einige Details geändert, das Grundkonstrukt war aber stabil geblieben, der Zug gewann sogar nochmals etwas an Leistungen dazu. Das erste und zweite Fahrtenpaar an Sonn- und Feiertagen verkehrten nun wieder als Zug, die morgendliche Rückfahrt ab Mertingen kundenfreundlich gut 2 Stunden später, womit der VT Sonntag morgens zweieinhalb Stunden im Bahnhof Mertingen stand. Auch ein Fahrtenpaar Nachmittags an W(Sa) war wieder vom Bus zum Zug umgewandelt worden, zusätzlich verkehrte an Fr und Sa ein weiteres Buskurspaar Wertingen-Mertingen am Nachmittag. Neu war abends ein zur Mitfahrt freigegebener Lto (Zug 54418) 18:34 von Wertingen nach Mertingen, der es ermöglichte abends auf die Lokbespannte Garnitur zu verzichten, denn im Gegenzug gab es den spätabendlichen GmP 8664 (21:00 ab Wertingen) nicht mehr im Kursbuch. Damit verkehrte nur noch ein Personenzug frühmorgens lokbespannt. Für 1970 liegt mir auch erstmals der separat veröffentlichte Busfahrplan 2411/7 vor. Insgesamt verkehrten nun 9,5 Fahrtenpaare an W(Sa), 5,5 an Sa und 4 an S.

Für 1970 liegt mir erstmals neben der KBS 411b auch die Tabelle 2411/7 vor, die nur die Busleistungen, dafür aber bei diesen auch die Zwischenhalte ausweist. Quelle: Amtlicher Taschenfahrplan Schwaben/Allgäu Sommer 1970.

 In den nächsten Jahren ändert sich am Angebotsvolumen nichts, hauptsächlich bei den Schienenleistungen gibt es jedoch einige größere zeitliche Verschiebungen. Ab Sommer 1972 wird die Schienenstrecke als KBS 911, die Busstrecke als KBS 9104 veröffentlicht. Zum Sommer 1973 entällt dann sowohl das Fr und Sa verkehrende nachmittägliche Buskurspaar Wertingen – Mertingen und zurück als auch die Busfahrt am Sonntag Abend um 20:25 Uhr ab Donauwörth. Auf der Schiene ist Sonn- und Feiertags der Betriebsbeginn erst 2 Stunden später, womit die lange Standzeit in Mertingen entfällt. Ab Winterfahrplan 1973/74 verkehrt das Zugpaar am frühen Nachmittag nur noch W(Sa) statt W. Ab Winterfahrplan 1974/75 pendelt das Buskurspaar am Nachmittag nur noch Wertingen – Mertingen statt Wertingen – Donauwörth. Alles in allem also immer etwas weniger, aber das Grundgerüst blieb in diesen Jahren bestehen.

1975 wurden der gesamte Personenzugfahrplan auf der Strecke Mertingen (MTG) -Wertingen (WTG) von einem Augsburger 515.1 (das ist die Variante mit dem kurzen 8 Plätze umfassenden 1. Klasse-Großraum) erbracht. Getauscht wurden die Fahrzeuge morgens um kurz nach 8 mittels Leerfahrten von/nach Donauwörth (DT). Der Umlauf umfasste 3 Plantage „rund um Buchloe“, 6 Plantage „rund um Donauwörth und Nördlingen (NOE)“ sowie einen „Überführungsplantag“ der den Triebwagen von Buchloe über Geltendorf – Weilheim – Augsburg – Ingolstadt nach Donauwörth bringt. Am letzten Tag geht es nach einigen Leistungen rund um Nördlingen wiederum von Donauwörth über Ingolstadt und Augsburg nach Buchloe. Scan: OZL-Lokd.

Ab Sommerfahrplan entfällt die letzte lokbespannte Zugleistung: der Frühzug Wertingen – Mertingen um 5:25. Ebenso entfällt in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Übernachtung des Zugpersonals in Wertingen was bedeutet, dass die erste Fahrt am Sonntagmorgen Wertingen – Mertingen entfällt, dafür Samstagabends eine zusätzliche Fahrt Wertingen – Mertingen angeboten wird. Beim Bus tauschen Nachmittags zwei Buspaare die Durchbindung nach Donauwörth.

Alle Züge Triebwagen 2.Klasse vermeldet das Kursbuch 1975. Quelle: Taschenfahrplan Schwaben/Allgäu Sommer 1975.

Darauf folgen einige Fahrplanperioden ohne Änderungen an den Fahrplänen bis dann zum Sommerfahrplan 1977 die große Keule kommt. Der Zugverkehr wird fast vollständig eingestellt, übrigen bleiben 1,5 Fahrtenpaare am frühen Morgen, fast alles andere wird auf Bus umgestellt – das ist dann das klassische „Alibiangebot“ – Betriebsschluss für den Zugverkehr ist um 8:37 Uhr morgens, am Wochenende ruht der Zugverkehr vollständig. Dennoch verkehren also noch 9,5 Fahrtenpaare an W(Sa), 3 an Sa und 2,5 an S. Die Änderungen im Detail:

6062 (W): Entfall an Samstagen, W(Sa) weiter als Zug
6064 (W): Ersatz durch Bus
6066 (S): Ersatzloser Entfall
6068 (tägl): Ersatz durch Busse an W(Sa) und C
6070 (W(Sa)): Ersatz durch Bus
6072 (C): Ersatz durch Bus
6074 (A): Ersatz durch Bus
6080 (A): Ersatz durch Bus
6063 (W): Entfall an Samstagen, fährt weiter als Zug an W(Sa), zusätzlicher Bus (Werktags) etwa 30 Min später.
6069 (W): Entfall an Samstagen, W(Sa) weiter als Zug.
6071 (tägl.): Ersatz durch Bus
6073 (A): Ersatz durch Bus
6075 (C): Ersatz durch Bus
6077 (A): Ersatz durch Bus
6079 (6): Ersatzloser Entfall
6081 (A): Ersatz durch Bus

 

Viele Bussymbole – wenige Züge, so sieht der Sommerfahrplan 1977 aus. Immerhin können die wenigen verbliebenen Zugfahrgäste nun theoretisch erstmals in der 1.Wagenklasse nach Mertingen reisen, es kommen inzwischen ETA statt der Schienenbusse zum Einsatz.

 Zum Winterfahrplan 1977/78 erfolgen einige kleinere Korrekturen bei den Busleistungen, die wohl nach der Angebotsumstellung nötig waren: Kurs 3604, bisher 8:55 ab Mertingen fährt ca. 80 Minuten früher (Vermeidung Standzeit), es verkehrt ein zusätzlicher Schülerverstärkerkurs 13:30 Wertingen – Buttenwiesen und das Kurspaar am Abend Wertingen ab 18:43 und Mertingen ab 19:14 an W(Sa) entfällt ersatzlos. Ebenso gibt es zum Sommer 1978 nochmals Anpassungen bei den Bussen, die Züge verkehren unverändert: Das Mittagskurspaar verkehrt statt an W(Sa) nun nur noch an Schultagen (wohl aber nun auch an Schulsamstagen). Das Nachmittagsfahrtenpaar an Wochenenden verkehrt nur noch Sonn- und Feiertags. Zum Winterfahrplan 1979/80 erfolgt dann die Einstellung des Gesamtverkehrs an Sonn- und Feiertagen. Das Mittagsfahrtenpaar verkehrt nur noch Mo-Fr an Schultagen, statt Mo-Sa an Schultagen. Neu ist die veröffentlichte Rückfahrt des Schulverstärkers als Kurs 3614 Buttenwiesen – Wertingen. Das Angebot ist nun auf 7,5 Kurspaare (Zug+Bus) an W(Sa) und 2 Kurspaare an Sa geschrumpft. Sonntags herrscht Betriebsruhe bei Bus und Bahn auf der Strecke Mertingen – Wertingen. Zum Winterfahrplan 1980/81 gibt es beim Bus neue Schulkurse morgens, mittags und nachmittags in der Relation Oberthürheim – Wertingen und zurück, vermutlich in die Linie integrierte Schulverkehre.

Zum Sommer 1981 erfolgte dann die Einstellung des Personenverkehrs auf der Schiene, wobei: viel einzustellen war ja nicht mehr….

So verabschiedet sich die KBS 911 aus dem Kursbuch. Quelle: Taschenfahrplan Schwaben Allgäu Sommer 1981.

Versuch eines Fazits für die Zeit von 1957 bis 1981:

Während bis in die späten 50er Jahre die Strecke immer weiter an Bedeutung gewann, da die Bevölkerung immer mehr Mobilitätsbedürfnisse entwickelte, so brach ihr dann spätestens ab den 60er Jahren die steigende Motorisierung das Genick. Erschwerend kam sicherlich hinzu, dass sie nicht gerade günstig für die meisten erforderlichen Wege der Bewohner der Orte Wertingen und Buttenwiesen, aber auch der kleinen Dörfer lief. Außer Schüler nach Wertingen, die jedoch auch aus nicht an der Bahn liegenden Orten abzuholen waren und wenigen Berufspendlern sowie einigen auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesene blieb wohl kein Potential über. Die Verwaltung versuchte immer wieder mit kleineren Rationalisierungsmaßnahmen (Entfall einzelner Wochenendkurse, günstigere Betriebsweisen, Ersatz und Ergänzung durch Busverkehr, Einsatz Schienenbusse) zumindest die Kosten auch zu senken, die Erlöse sanken aber wohl mehr – und zwar nicht nur im Zug sondern auch im Bus, denn auch der musste in Tagesrandlagen immer mehr bluten. 1981 war dann ein immerhin noch auf Schüler, Berufspendler und Gelegenheitsfahrgäste zugeschnittener Fahrplan an W(Sa) übrig, ergänzt durch zwei Mehr-oder-Weniger-Alibi Buskurspaare am Samstag (Morgens und Mittags), danach war Wochenendruhe.

Literatur:

Bufe, Siegfried: „Eisenbahn in Schwaben“, Egglham 1990

Breubeck, Reinhold: „Eisenbahnknoten Augsburg“, Neustadt/Coburg 2007

Fiegenbaum, Wolfgang/Klee, Wolfgang: „Abschied von der Schiene“, Stuttgart 1997

Fiedler/Baumgärtner: „Die Nebenbahn Mertingen-Wertingen“, Dillingen 1990.

Stand: 15.3.2012

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Fahrplan abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s