Die Nachtanbindung für Oberfranken. Teil 1: D 115/116 1949-1962

Von Markus Egger

Durch die Abriegelung der Zonengrenzen und die Gründung zweier separater deutscher Staaten geriet Oberfranken aus einer relativ zentralen Lage in eine verkehrstechnisch äußerst ungünstige. Der Weg nach Berlin war abgeschnitten, nach Hamburg musste man nun einen großen Umweg über Würzburg statt direkt über Leipzig fahren. Auch die benötigten Ziele der Fahrgäste verschoben sich stark, z.B. durch die Etablierung von Bonn als Bundeshauptstadt. 1939 hatten beispielsweise ab Hof tägliche nächtliche Schnellzugdirektverbindungen nach Breslau und Hamburg sowie gleich 4 durchgehende Nachtschnellzüge nach Berlin bestanden.

Karte des Streckenverlaufs des D 115/116. In Bamberg musste Kopf gemacht werden, in Würzburg bestand Anschluss an die Fernstrecken München/Passau – Nürnberg – Würzburg – Rhein-Ruhr/Nordsee. Eigene Bearbeitung; Kartengrundlage: Reichskursbuch 1905.

Zur Anbindung Oberfrankens an die wichtigsten Orte Westdeutschlands im „Nachtsprung“ plante die junge Bundesbahn deshalb die Einführung eines neuen Schnellzuges Hof-Würzburg. Im Winterfahrplan 49/50 kann ich erstmals das Zugpaar D 115/116 Würzburg-Hof im Fahrplan nachweisen – noch trägt es allerdings den Hinweis „Verkehrt nur auf besondere Anordnung“. Es verlässt Würzburg um 5:05 Uhr nach leidlichem Anschluss von D 586 Hamburg-Passau und D 364 Köln-München. Hof wird um 9:37 Uhr erreicht. Abends geht es um 22:25 Uhr los, Würzburg wird um Punkt Mitternach erreicht, Nach 30 Minuten Aufenthalt kann in Würzburg die Reise mit D 585 nach Hamburg oder D 363 nach Köln fortgesetzt werden. Die Zugnummer hat unser Zug übrigens von dem Vorkriegszugpaar D 115/116 Saarbrücken-Hof geerbt, das jedoch zu einer komplett anderen Tageszeiten verkehrte (Abends an Hof, Morgens ab Hof). Unter der gleichen Zugnummer war mindestens 1946 ein Tagesschnellzug Frankfurt – Würzburg – Hof verkehrt, jedoch zu vollkommen anderen Zeiten und mit anderen Aufgaben. Vor dem Krieg war zu den Zeiten des D 115/116 von 1949/50 kein durchgehendes Zugpaar Hof-Würzburg verkehrt.

Der Fahrplan des D 115/116 im Winter 1949/50. Falls er verkehrt haben sollte, war aus weiten Teilen Nord- und Westdeutschlands eine für die damalige Zeit attraktive Nachtverbindung nach Hof gegeben, wenn auch am frühen Morgen bzw. späten Abend in Würzburg umgestiegen werden musste. Datengrundlage: Amtliches Kursbuch Westdeutschland Winter 1949/50.

Interessant aus heutiger Sicht ist der Halt in Burgkunstadt. Die fränkische Kleinstadt war jedoch ein nicht zu unterschätzendes wirtschaftliches Zentrum Frankens und bekannt für seine Schuhindustrie und ist heute noch für den bereits 1925 gegründeten Baur-Versand bekannt, der als Schuh-Versand entstanden war. In Oberkotzau wurde nur abends westwärts gehalten, ansonsten waren die „üblichen“ Schnellzugstationen Unterwegshalte. In Neunmarkt-Wirsberg wurde vermutlich eine Schiebelok angesetzt. Der Zug führte 1949/50 nur die 3. Wagenklasse.

Übrigens nennt das Kursbuch  im Abschnitt Bamberg-Neunmarkt-Wirsberg zeitgleich zu unserem D 115 einen Et 115 Bamberg – Neuenmarkt-Wirsberg. Ich vermute, dass dieser Zug so lange verkehrte, bis D 115 faktisch noch nicht verkehrte. Zu  D 116 gibt es eine derartige Parallellage nicht.

Für den Winter 1950/51 sind auch erstmals die Bespannungen überliefert. Waährend im Abschnitt Würbzurg-Bamberg Würzburger 01er zuständig waren, durften im Abschnitt Bamberg-Hof die legendären Hofer 18.5 (bay S 3/6) ran.

Doch schon kurz darauf konnte der Zug noch wesentlich attraktiver gestaltet werden. Spätestens ab Sommer 1951 entfiel der Vermerk, dass der Zug nur auf besondere Anordnung verkehrt, kam die 2. Wagenklasse hinzu und wurden zwei direkte Kurswagenläufe integriert: Dortmund-Hof und Norddeich-Hof. Die Kurswagen nach Dortmund wurden mit D 363/364 über Köln – Frankfurt befördert, während die Kurswagen nach Norddeich bis Hannover im Hamburger Schnellzug D 385/386 und ab dort im E 149/150 nach Norddeich befördert wurden. Durch eine zwischenzeitlich erfolgte leichte Verschiebung der Kurswagenträgerzüge war auch die Fahrlage des D 115/116 nochmals etwas attraktiver geworden: Morgens war die Ankunft in Hof zwar etwas später, dafür war auch abends eine deutlich spätere Abfahrt möglich. Nach Köln betrug die Reisezeit fast 11 Stunden, nach Hamburg fast 15 Stunden. Außerdem entfiel der abendliche Halt in Oberkotzau.

1951 konnten die Oberfranken sogar umsteigefrei bis Norddeich an der Nordseeküste fahren – mit diesem Kurswagen kam man fast von der Ostgrenze der Bundesrepublik zur Westgrenze. Datengrundlage: Amtliches Kursbuch Sommer 1951.

Bis 1953 wurden dann die Trägerzüge für die Kurswagen gewechselt. Richtung Köln – Ruhrgebiet war dies nun der D 57/58 Dortmund-Passau und Richtung Hamburg der D 89/90 Hamburg-München (der später zum Kärnten-Express wird). Diese beiden Züge tauschen ebenfalls Kurswagen Hamburg-Passau und Dortmund-München gegeneinander aus, so dass in Würzburg nun gegen Mitternacht und morgens um 6 ein großes Nachtzugrendezvouz mit umfangreichem Rangierbetrieb stattfindet . Zusätzlich gibt es nun neu während der Festspielzeit in Bayreuth einen Kurswagen 1., 2. und 3. Klasse Oostende – Bayreuth mit Schiffanschluss aus London. Dieser Kurswagen kommt mit F 51/52 „Wien-Oostende-Expreß“, steht jedoch relativ lange in Würzburg Hbf. Durch diese Änderung der Kurswagenträgerzüge ändert sich die Fahrlage des D 115/116 nochmals relativ stark: Morgens verkehrt er nun etwa 30 Minuten später, so dass Hof erst kurz vor 11 Uhr erreicht wird, abends geht es fast 2 Stunden früher schon wieder um kurz nach 19 Uhr in Hof los. Die Haltepolitik bleibt unverändert, ostwärts ist eine erste leichte Beschleunigung des Zuges zu verzeichnen.

Als Tagesrandverbindung innerhalb Frankens ist der D 115/116 durch die neue Fahrlage wieder attraktiver geworden, für die nächtlichen Kurswagen ist die Ankunft in Hof erst gegen 11 Uhr jedoch sehr spät. Datengrundlage: Amtliches Kursbuch Sommer 1953.

Mit dieser Fahrlage und diesen Kurswagenverbindungen hat der D 115/116 nun seine lange Jahre prägende Gestalt angenommen. Für den Winter 1954/55 liegt mir erstmals ein Zugbildungsplan des Zuges vor.

Der Zugbildungsplan des D 115 im Fahrplanjahr 1954/55. Neben der Personenbeförderung hat der Zug auch umfangreiche Post- und Expreßgutaufgaben und führt dementsprechend je nach Wochentag bis zu 2 Postwagen und bis zu 3 Gepäckwagen. Wenn der Kurswagen Oostende-Bayreuth im Zug ist, ist er übrigens W(nS) im Abschnitt Würzburg-Lichtenfels zwischen zwei Postwagen eingereiht! Kurswagen aus Dortmund und Hamburg sind jeweils ein einzelner 2./3.-Klasse-Altbauwagen, den Zugstamm Würzburg-Hof bilden drei Wagen: zwei Altbau-3.Klasswagen sowie bereits ein noch sehr junger BCm aus dem 26,4m-Neubauprogramm. Scan aus dem ZpAR: DSO-User OZL-Lokd.

Für den Sommer 1955 sind auch die planmäßigen Bespannungen überliefert. Im Abschnitt Würzburg-Bamberg und zurück war jeweils eine Würzburger 01 am Zug, im Abschnitt Bamberg-Hof jeweils eine Hofer 01.

Bis zum Sommer 1957 bleibt der Fahrplan weiterhin recht stabil, es gibt jedoch eine leichte Aufwertung und Beschleunigung des Zuges. Die Halte Schweinfurt Stadt und Burgkunstadt entfallen nun, neu hinzu kommt dagegen mal wieder der abendliche Halt in Oberkotzau. Durch die Klassenreform führt der Zug nun die 1. und 2. Wagenklasse, bei D 115 gibt es nun auf der ganzen Strecke Speisen und Getränke im Zug, bei D 116 erst ab Neuenmarkt-Wirsberg. Die Kurswagen Oostende – Bayreuth gibt es nun jedoch nicht mehr.

1957 hatte sich der D 115/116 etabliert und der Fahrplan war recht stabil. Datengrundlage: Amtliches Kursbuch Sommer 1957.

Für den Sommer 1958 liegt der Laufplan der Hofer Dampfer der Baureihe 01 vor. Bei Dienstplantag 5 bringt eine Lok, die am Nachmittag mit dem E 873 Würzburg-Hof die Schiefe Ebene in ihre Heimat hochgekommen war abends den D 116 hinunter nach Bamberg, wo die Lok übernachtet. Am nächsten Morgen geht es mit D 115 wieder hinauf nach Hof, um dann Mittags mit D 546 Hof – Bamberg – Nürnberg wieder die Reise nach Bamberg anzutreten.

Der Laufplan 02.01 für 6 Loks der Baureihe 01 des Bw Hof bringt die Loks im Sommer 1958 bis Bamberg, Regensburg, und Stuttgart. Scan: DSO-User OZL-Lokd.

Im Winter 1958/59 übernahm die Dieseltraktion in „Person“ der Baureihe V200 die Zugförderung des D 115/116 im westlichen Abschnitt Würzburg-Bamberg und zurück. Das Bw Würzburg setzt hierzu sein Personal auf Frankfurter V200 ein, die mit den D 115/116 und D 90/89 sogar Bamberg-Würzburg-Bebra durchliefen.

Die Frankfurter V200 hatten u.a. die Aufgabe auf den nicht elektrifizierten Strecken rund um Würzburg zumindest die hochwertigsten Züge nicht mehr mit Dampf sondern mit Diesel zu bespannen. Auf Grund dieser „Stellenbeschreibung“ ist der Einsatz von einer Lok in Tag 4 und 5 vor D 115/116 und 89/90 von Bamberg nach Bebra und zurück nicht erstaunlich. Scan: DSO-User OZL-Lokd.

Bis 1962 konnte der Fahrplan des D 115/116 dann doch nennenswert beschleunigt werden, so dass fast 30 Minuten Zeitgewinn möglich wurden, bezogen auf den Kurswagen nach Dortmund war sogar ein Zeitgewinn von fast 60 Minuten gegenüber 1957 zu verzeichnen. Ansonsten blieb es beim bewährten Konzept, nur der Zwischenhalt in Oberkotzau abends entfiel wieder.

Die Beschleunigung des Zuges konnte sowohl im Dieselabschnitt Würzburg-Bamberg, als auch im Dampfabschnitt Bamberg-Hof realisiert werden. Datengrundlage: Amtliches Kursbuch Sommer 1962.

Wie es mit dem Zug dann ab Mitte der 60er-Jahre weitergeht ist im nächsten, demnächst erscheinenden Teil zu lesen.

Danke an OZL-Lokd. für die Laufpläne und den ZpAR sowie an Eurocity341 für die Ergänzungen. Link zur Diskussion auf DSO.

Möglichkeiten zur Mithilfe:

  • Zugbildungspläne aus anderen Jahren
  • Ergänzende Fahrpläne aus anderen Jahren
  • Berichte, Fotos, Anekdoten, Diskussionen, …

Stand: 13.10.2012

Dieser Beitrag wurde unter Zug abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s