Wurzeln des Vorarlberg-Express: Zug 21/54 Karlsruhe-Friedrichshafen 1905 und Nachfolger bis 1914.

Von Markus Egger

Über viele Jahrzehnte gab es eine umsteigefreie Direktverbindung aus dem Westen Deutschlands und den Niederlanden über Nacht an den Bodensee und nach Vorarlberg – zuletzt unter dem Namen „Vorarlberg-Express“. Wurzeln für diesen Verkehr kann ich bis mindestens 1905 zurückverfolgen. In loser Folge sollen hier nach und nach die verschiedenen Phasen dieses Verkehrs erzählt werden. Die heutige Folge dreht sich um die Zeit vor dem ersten Weltkrieg.

1905 verkehrte ein Schnellzugpaar Karlsruhe-Friedrichshafen, das u.a. als Kurswagenträger für Kurswagen Amsterdam-Friedrichshafen diente. Im kurzen Abschnitt der Badischen Staatseisenbahn hatte das Zugpaar die Zugnummern 100/103, bei der Württembergischen Staatsbahn 21/54. Karlsruhe wurde mitten in der Nacht um 3:52 verlassen, nach einem Zwischenhalt in Pforzheim wurde bei Mühlacker (ohne Halt) Württemberg erreicht. Dort gab es Zwischenhalte in Bietigheim, Ludwigsburg, Stuttgart Hbf (ab 5:40 Uhr), Cannstatt, Eßlingen, Göppingen, Geislingen und Ulm. Weiter ging es auf der Südbahn, wo in Laupheim Hbf, Biberach und Ravensburg gehalten wurde. Im Ziel Friedrichshafen hielt der Zug sowohl am Stadtbahnhof als auch und im Hafenbahnhof, wo Fähranschluss in die Schweiz bestand. Ankunft in Friedrichshafen Hafen war um 9:15 Uhr Vormittags. Von Stuttgart an den Bodensee diente der Zug also als attraktive Tagesrandverbindung. In der Gegenrichtung wurde Friedrichshafen Hafen um 18:17 Uhr verlassen und Stuttgart Hbf um 22:16 Uhr mit den gleichen Zwischenhalten erreicht. Zwischen Stuttgart und Karlsruhe hielt Zug 54-100 im Gegensatz zu seinem Bruder am Morgen nicht in Ludwigsburg, dafür aber in Mühlacker. Die Badische Residenzstadt Karlsruhe wurde um 0:04 Uhr erreicht.

Der Zug diente natürlich auch als Kurswagenträger. Wie schon erwähnt gab es Kurswagen Amsterdam-Friedrichshafen. Diese kamen mit Zug 127 bzw 27 (je nach Saison) aus den Niederlanden, ab Emmerich hießen diese Züge 166a bzw. 166. Ab Köln liefen die Kurswagen ganzjährig im Zug 166, ein Schnellzug Holland-Basel. In Bingerbrück wurden diese Kurswagen auf Zug 106 umgestellt, da Zug 166 über den aus heutiger Sicht kurios anmutenden Laufweg Bingerbrück – Bad Münster am Stein – Neustadt (Weinstraße) – Weißenburg (heute Wissembourg) – Straßburg verkehrte. Mit Zug 106 ging es über Mainz – Groß-Gerau – Mannheim – Graben-Neudorf nach Karlsruhe. In der Hochsaison führten diese Kurswagen 1.-3.Klasse, sonst nur 1. und 2. Klasse.

Ab Stuttgart gab es Kurswagen Stuttgart-Lindau. die in Friedrichshafen Stadtbahnhof auf Zug 76 nach Lindau umgestellt wurden – auch hier handelt es sich um eine Fahrlage die jahrzehntelange bis in die 1980er-Jahre angeboten wurde.

Als weitere Kurswagenverbindung gab es solche von Karlsruhe nach Ala. Ala? Wo liegt denn das? Ala ist ein kleiner Ort an der Grenze zwischen Südtirol und dem Trentino, diese Grenze war damals auch die Staatsgrenze zwischen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und Italien. Von Karlsruhe bis Friedrichshafen Stadtbahnhof liefen diese in unserem Zugpaar, ab dort im Zug 76 nach Lindau, dann im Zug 8 über den Arlberg nach Innsbruck und ab dort mit Zug 4 über den Brenner bis Ala. In der Gegenrichtung waren die Züge 1, 7 und 77 bis Friedrichshafen beteiligt.

Der Zug firmierte damals noch als Schnellzug („SZ“) im Kursbuch und trug noch nicht den Zusatz „D“ für Durchgangszug, wurde also wohl noch (zumindest überwiegend) aus Nicht-Durchgangswagen, also Abteilwagen gebildet.

Der Fahrplan des Zugpaares 21/54 im Sommer 1905. Die Reisegeschwindigkeit war immerhin schon über 50km/h. Datengrundlage: Reichs-Kursbuch Juli 1905.

Auch 1908 gibt es durchgehende Kurswagen Amsterdam-Friedrichshafen. Richtung Friedrichshafen laufen diese jedoch 1908 ggü. 1905 etwas später und damit nicht mehr im Zug 21 sondern erst im D 19 und treffen dementsprechend erst Mittags in Friedrichshafen ein. Darüber hinaus hat D 19 auch Kurswagen Kaiserslautern-Friedrichshafen und Ulm-Innsbruck.

Zug 21 gibt es weiterhin, er beginnt nun jedoch erst in Stuttgart Hbf und ist nun offiziell ein „Eilzug“, da es mittlerweile Schnellzüge ohne Durchgangswagen nicht mehr gibt. E 21 hält neu in Plochingen. Aus Mühlacker besteht Anschluss mit einem Zug 31, der auch zahlreiche kleinere Unterwegshalte wie z.B. Großsachsenheim mitnimmt. Anschluss aus Karlsruhe gibt es nicht mehr. Zug 21 führt nun Kurswagen Stuttgart-Zell am See, die wohl die Nachfolger der Ala-Kurswagen sein dürften.

In der Gegenrichtungen werden diese unterschiedlichen Aufgaben weiterhin mit einem Zug abgewickelt, der sich nun aber D 54 nennt. D 54 läuft auch weiterhin nach Karlsruhe durch. Die Kurswagen Zell am See-Stuttgart und Friedrichshafen-Amsterdam finden sich auch wieder darin auf dem Rückweg. Außerdem gibt es Kurswagen Friedrichshafen-Heilbronn. Auch D 54 hält nun in Plochingen.

Kurswagenläufe wie Kaiserslautern-Friedrichshafen oder Innsbruck-Heilbronn muten aus heutiger Sicht kurios an – waren damals aber nichts ungewöhnliches. Quelle: Fahrplan der Württembergischen Eisenbahnen. Winterdienst 1907/08.

Für 1912 liegen Informationen aus österreichischen Kursbüchern vor. Dort gab es im kkStB-Schnellzug S 8 (Lindau-Salzburg) einen Kurswagen 1.2. Klasse Stuttgart (ab 05:00) via Ulm-Friedrichshafen-Lindau-Innsbruck-Bischofshofen nach Salzburg (an 21:05), sowie einen Kurswagen aller drei Wagenklassen Stuttgart-Bischofshofen (an 20:00). Einen Speisewagen führte der Zug zwischen Feldkirch (ab 11:58) und Salzburg.

Der kkStB-Schnellzug S 302 (Basel SBB-Wien West) führte einen Kurswagen von Stuttgart (ab 09:29) ebenfalls nach Innsbruck Hbf. (an 18:25). Von Lindau bis Feldkirch verkehrte der Kurswagen im kkStB-Schnellzug S 202.

Im kkStB-Kursbuch von August/September 1914 (fraglich, ob noch alles hier Verzeichnete tatsächlich verkehrte!) sind einige Kurswagen (sämtlich mit allen drei Wagenklassen) verzeichnet, die von Baden und Württemberg her in Richtung Tirol und Salzburg fuhren.

Da ist hier einmal der Kurswagen Stuttgart (ab 05:00)-Zell am See (an 19:04) via Ulm-Friedrichshafen-Lindau-Innsbruck, dessen Rücklauf von Zell am See (ab 07:00) (Zug S 7)-Lindau (Zug 77)-Friedrichshafen Stadt (D 100) nach Karlsruhe führte (an 00:15).

Der Kurswagen Stuttgart (ab 09:27)-Innsbruck (an 18:55) verkehrte in den Zügen D 19 (Stuttgart-Friedrichshafen Stadt), 74 (Friedrichshafen Stadt-Lindau) und S 202 (Lindau-Feldkirch) und S 302 (Feldkirch-Innsbruck). Der Rücklauf verkehrte von Innsbruck (ab 07:20) nach Frankfurt/Main Hbf. (an 20:32) mit S 301 bis Feldkirch, S 201 nach Bregenz, mit S 505 nach Lindau, Zug 75 nach Friedrichhafen Stadt, D 4 nach Ulm-Stuttgart-Bruchsal und von dort mit D 27 zu seinem Zielbahnhof Frankfurt/Main Hbf. Trotz einiger Änderungen hatten diese Kurswagenrelationen also in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts recht konstant Bestand.

Im Ersten Weltkrieg verkehrte das Zugpaar kriegsbedingt nicht mehr.

Link zur Diskuusion auf DSO

Danke an Jörg Schwabel für seine Zuarbeit aus österreichischen Kursbüchern!

Möglichkeiten zur Mithilfe:

  • Wer mag spekulieren, welche Lokbaureihen zum Einsatz gekommen sein könnten?

Stand: 16.4.2013

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