D 48/47: Einer der ersten Züge mit Schlafwagen nach München (Teil 1: 1905-1922)

Von Markus Egger

Am 1. Oktober 1873 verkehrte erstmals in Deutschland ein Schlafwagen. Betrieben wurde dieser von der im selben Jahr in Belgien von Georges Nagelmackers gegründeten Compagnie Internationale de Wagons-Lits (CIWL). Bedient wurde zunächst die Relation Berlin-Oostende. 1880 richtete die Preußische Staatseisenbahn erstmals eigene Schlafwagenkurse ab Berlin ein. Neben diesen beiden Gesellschaften betrieben bis zum 1.Weltkrieg nur noch die Schwedischen Staatseisenbahnen eigene Schlafwagen.

Noch 1905 gab es zwar durch die langen Reisezeiten bedingt zahlreiche nächtliche Reisezüge, nur sehr wenige führten jedoch Schlafwagen, konnte sich doch ein Großteil des reisenden Publikums diese Errungenschaft schlicht nicht leisten. München berührten 1905 CIWL-Schlafwagenkurse nach Avricourt, Wien, Verona und Zürich, ebenso betrieb die CIWL den Schlafwagen Dresden-Hof-München. Mit drei Zügen gelangten preußische Schlafwagen nach München: aus Berlin über Hof, aus Berlin über Saalfeld sowie ab Achaffenburg vereinigt im Schnellzug 90 aus Köln und Frankfurt.

Um dieses nächtliche Schnellzugpaar Frankfurt-München soll es heute gehen, denn es hielt sich lange und hartnäckig im Fahrplan. Wer heute in gut 3 Stunden im ICE von Frankfurt nach München „jettet“ erahnt nicht, dass dieselbe Reise 1905 fast 9 Stunden dauerte und damit ein fast „perfekter“ Nachtsprung war.

Der Fahrplan der Schnellzugpaare 169/162 (bei der preußischen Staatsbahn) und 90/89 (bei der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn. Ob es sich in Aschaffenburg nur um einen Zugnummernwechsel an der Grenze oder ein komplettes Zusammenstellen eines neuen Zuges handelte ist wie so oft in den frühen Eisenbahnjahren nicht mehr nachvollziehbar. Datengrundlage: Reichs-Kursbuch 1905.

S 169 begann am späten Abend in Frankfurt Hbf und erreichte nach Zwischenhalten in Frankfurt-Sachsenhausen (heute: Frankfurt Süd), Offenbach Bebraer Bahnhof (heute: Hauptbahnhof) und Hanau Ostbahnhof (heute Hauptbahnhof) Aschaffenburg. Dort stoßen erst die Sitz- und Schlafwagen aus Cöln hinzu, die interessanterweise ab Mainz über Darmstadt hierher gelangt sind! In Laufach wird der Halt zum Ansetzen der Schiebelok auf der Spessartrampe für einen Verkehrshalt in Richtung München genutzt, in der Gegenrichtung hält S 89 nicht, weitere Halte bis Würzburg (wieder in beide Richtungen) sind Lohr Bahnhof und Gemünden. in Würzburg gehen Kurswagen nach Nürnberg vom Zug, die es in der Gegenrichtung nicht gibt. Zwischen Würzburg und Treuchtlingen hält der Zug interessantwerweise neben den bekannten Schnellzugstationen Ansbach und Gunzenhausen auch in Marktbreit.

Zwischen Treuchtlingen und München fährt der Zug über das Altmühltal, hält in Eichstätt Bahnhof aber nur südwärts zur Gewährung einer Tagesrandanreise nach München, weiterer Halt ist nur Ingolstadt Hbf. München wird dann rechtzeitig zum Frühstück um 7:44 Uhr erreicht.

Übrigens: Eine Bettkarte Cöln-München I.Klasse kostet 1905 10,- Goldmark, die zugehörige Fahrkarte nochmals 57,60 Goldmark – zusammen entspricht das kaufkraftbereinigt heute etwa 350 €. Eine Fahrt (einfach) mit dem Schlafwagen Cöln-München kostete damals nur knapp weniger als ein durchschnittlicher Arbeitermonatslohn!

Für 1907 liegen mir nur Ausschnittsinformationen vor: Der Zug nennt sich nun E 90/89 und wird nach der Eröffnung der Neubaustrecke Donauwörth-Treuchtlingen über Augsburg statt über Ingolstadt nach München geführt. Durch diese neue Führung sind nun auch abschnittsweise Kurswagen Berlin-München und Dresden-Lindau mit im Zug.

Im Jahr 1908 wurde unser Zug im Abschnitt Frankfurt – Aschaffenburg mit den damals äußerst modernen P8 aus Frankfurt bespannt.

Dienstplan für 5 Lok P8, die damals gerade neu in Frankfurt stationiert wurden. Die Loks erreichen in diesem Laufplan als Wendebahnhöfe Marburg, Elm, Bebra, Cassel und eben mit „unserem Zug“ Aschaffenburg. Der Ausschnitt zeit die Plantage 7-9. Zur Verfügung gestellt von DSO-User OZL-Lokd.

Auch 1914 besteht dieses Konstrukt noch recht ähnlich: Südwärts hat sich wenig geändert, einzig der Halt in Marktbreit ist entfallen; neu ist dafür Karlstadt. Nordwärts ist dagegen gleich eine ganze Reihe an Halten eingespart worden: Marktbreit, Gemünden und Lohr Bahnhof. Zudem liegt der Zug nordwärts nun bis zu eine Stunde früher. In beide Richtungen gibt es gerade im Abschnitt Würzburg-Treuchtlingen größere Fahrtzeiteinsparungen. Die Kurswagen bestehen ebenfalls fast unverändert fort, einzig Wagen Berlin-München sind nicht mehr im Zug. Neu ist dafür eine vereinigte Führung im Abschnitt Augsburg-München mit dem D 1 – der interessanterweise ebenfalls Frankfurt-München fährt – aber über Darmstadt – Stuttgart!

Im Abschnitt Aschaffenburg-München scheint unser Zug nun aus Durchgangswagen zu bestehen und ist so vom Schnellzug zum D-Zug aufgewertet worden. Datengrundlage: Reichs-Kursbuch Sommer 1914.

Im Laufe des ersten Weltkrieges wurde unser Zug dann erheblich umgestaltet und nahm weitgehend die Form an, die er die nächsten 50 Jahre behalten sollte. Er nennt sich nun durchgehend von Frankfurt bis München D 48/47 und wird zwischen Würzburg und Treuchtlingen den Umweg über Nürnberg geführt. Nordwärts hält der Zug wieder in Karlstadt, Lohr Bahnhof und Gemünden. Auch zwischen Würzburg und Nürnberg dient der Zug der Erschließung mitten in der Nacht: Er hält neben Kitzingen, Neustadt (Aisch) und Fürth südwärts sogar in Markt Bibart! Kriegsbedingt sind die Kurs- und Schlafwagen eingeschränkt. Schlafwagen gibt es nur noch von Frankfurt nach München, Kurswagen nur noch aus Wiesbaden statt Cöln.

Südwärts läuft D 48 über Augsburg, Nordwärts D 47 ohne Halt über Ingolstadt Hbf. Datengrundlage: Reichs-Kursbuch Sommer 1917.

In der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges wird auch D 48/47 aufrecht erhalten. Beispielshaft sei der Winterfahrplan 1921/22 vorgestellt. Neben zeitlichen Verschiebungen fällt hauptsächlich auf, dass die Halte in Frankfurt Süd, Karlstadt, Markt Bibart und Treuchtlingen entfallen sind. Südlich Treuchtlingen verkehrt der Zug nun einheitlich über das Altmühltal und hält in beide Richtungen in Ingolstadt Hbf. Als Schlafwagen gibt es weiterhin nur die Relation Frankfurt-München, als Sitzwagen nun aber sogar Kurswagen Amsterdam-München!

Datengrundlage: Kursbuch Bayern rechts des Rheins Winter 1921/22.

In Teil 2 erfährt unser Zugpaar dann Mitte der 1920er Jahre eine wesentliche Verlängerung!

Vielen Dank an DSO-User OZL-Lokd. und epericolososporgersi für die ergänzenden Informationen. Link zur Diskussion auf DSO.

Möglichkeiten zur Mithilfe:

  • Fahrplaninformationen aus Zwischenjahren
  • Spekulationen über eingesetzte Baureihen
  • sonstiges

Stand: 1.9.2013

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