Mit dem Postbus von Arnsberg zum Möhnesee und weiter nach Soest – keine Erfolgsgeschichte – Teil 3 2006 bis heute: Die fetten Jahre sind vorbei – Experimente und Sparmaßnahmen

Ein Gastbeitrag von Thorsten Hallmann

Im Jahr 2006 wurde dann noch kräftiger durchgeschüttelt – es sollte ein ganz neues Konzept sein, war aber nicht zuletzt ein Sparprogramm: Das stündliche Grundangebot wurde um 30 Minuten verschoben, punktuell verdichtet mit bis Arnsberg durchlaufenden Fahrten in der alten Lage. Zugleich änderte sich die Linienführung zwischen Körbecke und Soest: Die Hauptlinie verkehrt nun über Hiddingsen (ehemals 550), und macht dann einen weiten Schlenker westwärts über Ruploh und Wippringsen (ehemals 549) nach Körbecke. Für Delecke entfielen damit die Direktverbindungen nach Soest. Lendringsen und Berlingsen (ehemals 550) sowie Büecke und das südliche Seeufer (ehemals 549) wurden nun mit Taxibussen angebunden. Die neuen Liniennummern liegen ganz im Trend der Zeit: R49, T49 und T55. Die Linie 548 verkehrte nun ebenfalls 30 Minuten früher oder später, mit oben genannten Ausnahmen. Die schulrelevanten Fahrten zwischen Arnsberg und Breitenbruch fuhr die RLG nun als Linie 413.

Den Rest der Linie 549, den Abschnitt im Möhnetal mit Anbindung nach Warstein, übernahm die RLG mit einem Kleinbus, der auf den Namen Möhneliner getauft wurde und einen neuen Linienweg durch die Dörfer bekam. Die neue Linie hieß – 549!? Und so heißt sie auch noch heute – obwohl sie einen reinen Stundentakt im Regionalverkehr bietet.

So viel Neues auf einmal – das sollte doch für zwanzig oder dreißig Jahre reichen? Weit gefehlt – schon 2009 wurde noch einmal reformiert: Der Taktverkehr der Linie R49 wurde auf den alten, immerhin kürzeren Weg der Linie 550 zurückverlagert und bis Delecke verlängert, so dass Lendringsen und Berlingsen nun wieder in den Genuss eines „richtigen“ Busses im Stundentakt kamen, während Ruploh und Wippringsen sich umgekehrt auf den unregelmäßigeren Taxibus umgewöhnen mussten. Und zwischen Arnsberg und Delecke? Schon 2006 zeichnete sich ab, dass diese Linie auf die Dauer nicht ungeschoren davonkommen sollte: Einige Fahrten waren als Einsatzwagen gekennzeichnet, um sie nach der geplanten Verlegung einer Betriebsstätte kurzfristig entfallen lassen zu können. Doch es kam noch dicker: Auch die Fahrzeuge wurden um ca. 7 Meter gekürzt – das Ergebnis war der Taxibus T48. In Arnsberg wurde der Bahnhof vom Linienweg abgekoppelt, und mit nur sechs Fahrtenpaaren montags bis freitags fiel man hinter das Jahr 1971 zurück. Sechs Minuten Puffer für den Umstieg in Delecke blähten die Reisezeit auf. Die letzte Fahrtmöglichkeit von Soest: 17.02 Uhr!

War der Plan also, die Linie durch ein möglichst unattraktives Angebot maximal kostengünstig zu gestalten? Er hatte offenbar keinen durchschlagenden Erfolg, denn schon 2010 wurde aus dem ungeliebten Taxibus wieder die vertraute Linie 548. Für einen Neuanfang hätte sich freilich 313 angeboten – aber es war auch nur ein halber: Vormittags fuhren wieder 12m-Busse, nachmittags ein Großraumtaxi – jedoch nun ohne telefonische Voranmeldung. Wie der Plan B bei zehn unangemeldeten Fahrgästen ausgesehen hat, ist mir nicht bekannt. Fahrscheine gab es handschriftlich. Immerhin wurde die schulmittägliche Vierstundenlücke ab Arnsberg gestopft (nun noch knapp drei…), der Bahnhof wieder angebunden und die Umstiegszeit in Delecke auf nur noch eine Minute verkürzt. 2013 wurde das Großraumtaxi durch einen Kleinbus mit 16 Plätzen ersetzt. Als Fahrkartenspender dient nun ein Tablet-PC mit Drucker.

Doch während es zwischen Körbecke und Soest auch mal eng werden kann, liegt die Fahrgastzahl zwischen Arnsberg und Delecke, von gelegentlichen Schulklassen und Wandergruppen abgesehen, verlässlich im unteren einstelligen Bereich. Würde es besser aussehen, wenn man zwischenzeitlich an schnellen und direkten Fahrten zu den für Berufspendler wichtigsten Zeiten festgehalten hätte? Doch für etwas, das selbst zwischen Arnsberg und Neheim nach langem Fehlen nun nur mäßig erfolgreich anläuft, dürfte auf einer Nebenverbindung wie Arnsberg – Soest der Bus abgefahren sein.

Auch in den letzten beiden Jahrzehnten erscheint die Entwicklung dieser Linie für das ländliche Westfalen charakteristisch. Der Phase der Vertaktung folgte eine der Differenzierung: Angebote werden zunehmend kleinteilig gestaltet, mit definierten Bedienungsstandards für jede Relation: Wo sich Taktverkehre bewährt haben, werden sie punktuell weiter ausgebaut und verdichtet. Auf den Hauptachsen sind mit oft beachtlichem Erfolg Schnellbusse eingeführt worden. Jenseits dessen gab es jedoch auch verbreitet Ausdünnungen ehemals dichter Verkehre auf Zweistundentakte oder ähnliches. Recht verbreitet wurden langlaufende Linien „gebrochen“, andere Relationen erhielten durch Zusammenlegung teils erheblich längere Fahrtwege. Regionalverbindungen mit geringer Bedeutung im Orts- und Ausbildungsverkehr gehören eindeutig zu den Verlierern, bis hin zur völligen Einstellung. Vor allem in ländlichen Gemeinden „retteten“ die Umstellung auf Taxibus und Einführung von Bürgerbussen ein einigermaßen flächendeckendes Angebot. Freizeitverkehre abends und am Wochenende sind hingegen eindeutig im Kommen. Wohin es aber im Einzelnen geht, dürfte oft von ganz spezifischen lokalpolitischen Interessenlagen und Prioritäten abhängig sein: Wird beispielsweise an einer Stelle der Wochenendverkehr stark eingeschränkt oder die letzte Fahrt am Abend eingestellt, werden anderswo gerade diese kräftig ausgeweitet.

Zum Abschluss dieses Ausflugs in die westfälische Verkehrsplanung unsere Linie durch den Arnsberger Wald noch einmal im Zeitraffer:

1939 1971 1994 2006 2009 2010
Fahrten AR-SO 5 7 8 11 6 7
Fahrten SO-AR 5 7 7 10 6 6
erster Bus ab AR 6.20 6.11 6.40 6.26 6.20 6.16
letzter Bus ab AR 20.25 18.30 18.25 19.00 19.05 19.06
erster Bus ab SO 7.55 5.25 6.35 6.20 6.20 6.20
letzter Bus ab SO 20.25 18.35 18.35 18.02 17.02 17.02
übliche Fahrtzeit AR-SO 70/75 Min ca. 55 Min 60 Min 57 Min 51 Min
übliche Fahrtzeit SO-AR 65/75 Min 47/52 Min 57 Min 55 Min 49 Min
Fahrtenpaare Sa/So 5/6 5/3 7/4 4/2 4/2 4/2

Zwischen Arnsberg und Sundern wurde übrigens Anfang der 1990er Jahre ein Stundentakt eingeführt, der seitdem fast unverändert besteht. Ganz anders die Entwicklung der einstmals mit einem geradezu luxuriösen Angebot versehenen Postbuslinie zwischen Wickede und Menden: Mittlerweile gibt es dort noch einen Zweistundentakt mit einzelnen Verdichtern.

Die direkten und indirekten Nachfolger der Fahrten, die 1971 in der Tabelle 2232/23 zusammengepfercht waren, verkehren heute übrigens (von Nord nach Süd) unter den Liniennummern R49, T55, T49, 605, 548, 413, R21, B4, 336 und 335. (http://ruhr-lippe-tarif.de/fahrplaene/fahrplantabellen.html )

——

Legende zu den Tabellen: Zeilen 1-6 beziehen sich auf werktags außer samstags. Die Minutenangaben beziehen sich jeweils auf die Verbindung von Bahnhof zu Bahnhof. Legt man in Arnsberg die innenstadtnahen Haltestellen zu Grunde, verkürzen sich die Planzeiten um 4-6 Minuten (1992/93 10-12 Minuten; 2009 wurde in Arnsberg nur die Altstadt bedient).

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Mit dem Postbus von Arnsberg zum Möhnesee und weiter nach Soest – keine Erfolgsgeschichte – Teil 3 2006 bis heute: Die fetten Jahre sind vorbei – Experimente und Sparmaßnahmen

  1. Domi schreibt:

    Hallo,
    können sie mir vielleicht Fahrpläne der früheren Fahrten der R49 (über Wippringsen), 549 und 550 zusenden? Ich interessiere mich sehr für diese Linien und deren Entwicklung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s